Panel 7: Filmdemokratie 2015|Strategien für digitalen Film und Fernsehen

 

Wohin steuern Film und Fernsehen in den kommenden zehn Jahren? Über diese Frage debattierte ein hochkarätig besetztes Experten-Panel beim Zukunftskongress 2005 in Halle. Den Auftakt machte Christoph Ott von der Neue Filmproduktion tv, der ein leidenschaftliches Plädoyer für das Kino hielt: "Kino wird es auch in zehn Jahren noch geben".

"Kino kann nur funktionieren, wenn es etwas besonderes ist"
Unabhängig von der Technologie seien es die Inhalte, die zählten, zeigte sich Ott sicher: "Kino kann nur funktionieren, wenn es etwas besonderes, etwas außergewöhnliches ist." Dabei hätten sich die Präferenzen der Zuschauer in den letzten Jahren allerdings verschoben: "Action, Krieg, Horror - Diese Sachen sind im Moment im Kino ganz schwer an den Mann zu bringen." Dazu käme ein besonderes Problem: "Es gibt eine große Unlust auf imperialistische Filme in denen Amerika die Welt rettet."

Auch wirtschaftliche Probleme würden dafür sorgen, dass sich Kino-Fans sehr genau überlegten, in welche Filme sie gehen: "Im Moment können es sich 20 bis 25 Prozent unserer Zielgruppe nicht leisten. Da geht man nur ins Kino, um zu lachen und zu träumen." Gleichzeitig kritisierte Ott die Einstellung zahlreicher Kinobetreiber. Die Lichtspielhäuser hätten zu oft eine "katastrophale Servicekultur": "Das sind Dinge, die Leute vom Kino abhalten"

Die Digitalisierung, so Ott, biete "eine wahnsinnig tolle Zukunft, vorausgesetzt die Kinos gibt es noch und sie können sich die technische Investition leisten." Für die Verleiher biete die Digitalisierung die Chance "wesentlich kostengünstiger File ins Kino bringen."

"Mit der Digitalisierung des Kinos wird die letzte Medienapplikation digitalisiert", stellte Hans-Peter Richter von der Flying Eye GmbH fest, der zu Geschäftsmodellen für das digitale Kino referierte. Auch er unterstrich die Möglichkeiten für kleinere Filmproduktionen: "Es wird bessere Chancen für unabhängige Filme geben, weil die Einstiegshürde bei der Erstellung von Filmkopien niedriger liegen". Ein Digitalvertrieb könne schon ab 100 bis 200 Kinos wirtschaftlich sein.

Vorreiter bei der Digitalisierung seien die Bereiche der Werbung und der alternativen Inhalte, wie etwa Dokumentationen. "Werbung und Dokumentationen bringen einen Grundstock an digitaler Technologie in die Kinos bevor die Umrüstung durch die großen Studios finanziert wird."

Richters provozierende These: "Warum soll durch eine neue Technologie eine Änderung bei den Geschäftsmodellen kommen?" Die Rollenverteilung im Filmgeschäft werde im Wesentlichen so bleiben wie sie ist. Auch die Methoden der Finanzierung würden sich nicht ändern: "Es wird nicht viele an neuen Geschäftsmodellen geben durch die Digitalisierung"

Dieser Einschätzung widersprach der dritte Referent, Stefan Jenzowsky von Siemens Communications, vehement. "Natürlich ändern sich Geschäftsmodelle". Um das zu illustrieren stellte Jenzowsky auf dem Zukunftskongress 2005 ein von seinem Unternehmen entwickeltes neues Geschäftsmodell für Fernsehen und Gaming ohne Werbung vor. Bei dem Projekt, das in drei Ländern Europas getestet werde, gehe es darum, Telekommunikationsunternehmen sowie die Medien- und Entertainmentindustrie zusammen zu bringen.

Dazu habe Siemens eine Set-Top Box entwickelt, die Videotelephonie und Fernsehen über das Internet ermöglicht - und gleichzeitig ein digitaler Videorekorder ist. "Der Fernseher wird als zentrales Medium adressiert." Bislang seien die Angebote für den TV-Empfang übers Netz "sehr computerlastig." Das Modell seines Unternehmens würde das nun ändern. Dabei setze Siemens auf "eine sehr schlanke Architektur" ohne Festplatte in der Set-Top Box. Die Film-Daten der Kunden würden sich auf einem zentralen Server des Telekommunikationsunternehmens befinden.

"Wenn Menschen das Gerät haben, vermeiden sie 80 Prozent der Werbung"
Prinzipiell seien mehrere Nutzungsmodelle möglich. Zum einen sei das Free TV mit eingeblendeter Werbung, zum anderen ein Herausschneiden und Überspringen der Werbung gegen eine "geringere Gebühr". Das biete hohen Nutzungskomfort: "Sie fangen an, um 21 Uhr fernzusehen und gehen zur selben Zeit ins Bett wie die Leute, die um 20 Uhr angefangen haben." Jenzowsky berichtete aus Marktforschung seines Unternehmens, dass Besitzer von digitalen Videorekordern die Möglichkeit zum Überspringen der Werbung exzessiv nutzen würden: "Wenn Menschen das Gerät haben, vermeiden sie 80 Prozent der Werbung."

Diese "radikale Veränderung" zwinge die Fernsehsender dazu, schnell zu reagieren: "Wir haben nicht viel Zeit, um die Industrie umzustellen." Es werde in Zukunft "viel, viel Product-Placement" geben. Außerdem würden die Angebote der Sender direkter und interaktiver werden, etwa mit Call-In-Shows. "Extrem interaktives Fernsehen ist der einzige Weg um Werbevermeidung zu verhindern."