Donnerstag in Bratislava: Die Slowaken freuen sich. Ihre Nationalmannschaft hat bei der Fußball WM gerade in einem dramatischen Spiel Weltmeister Italien rausgeworfen. Ein paar Fahnen hängen in den Kneipen, die Leute gehen eine Stunde nach dem Spiel gut gelaunt wieder ihrem Alltag nach. Ganz normal könnte man sagen, schließlich ist gerade mal die Vorrunde überstanden.
Hätte ich nicht vor 20 Stunden etwas anderes erlebt...Da stand ich inmitten einer schwarz-rot-goldenen Traube aufgeheizter Menschen, die lautstark zum Autokorso strömten und ein Vorrunden-1:0 gegen Fußballzwerg Ghana in kollektiver Hysterie wie einen Titelgewinn zelebrierten. Da redeten Spieler vom überstandenen Stahlgewitter und Reporter von der abgewendeten nationalen Katastrophe, historischen Desastern, inneren Reichsparteitagen und dem nun auf uns wartenden alten Feind. Was passiert hier?
Lassen wir die Apokalyptiker mal beiseite. Natürlich sind wir nicht über Nacht zu Nationalisten geworden, auch nicht zu Nazis und Fanatikern.
Aber dennoch: Ich bleibe bei meiner These, mit der ich vor einer Woche die Teilnehmer des Zukunftskongresses des ThinkTanks konfrontiert habe: Wir spielen Krieg...Im Fernsehen und auf der Straße. Wir inszenieren ein Sportevent als Kriegsersatz. Ist das schlimm? Nein! Aber warum tun wir das?
Eine mögliche Antwort ist: Gesellschaften brauchen existenzielle Krisenphasen! Sie entwickeln sich in Sinuskurven von Hochs und Tiefs. Und besonders Gesellschaften im "Hoch", also "späte Gesellschaften" die geprägt sind vom Trend der Individualität und des Luxus bis tief in die Mittelschicht hinein, verspüren eine kollektive Sehnsucht nach existenzieller Bedrohung. Diese leben wir gerade aus. Ob es hilft? Ich weiß nicht!
Aus Trendsicht, erleben wir hier den typischen Gegentrend, den jeder Massentrend automatisch hervorruft: Kollektivität statt Individualität auf der Straße, soldatische Härte statt Kompromissen und kleinstem gemeinsamen Nenner im Fernsehen. Wir erleben in diesen Tagen, wie stark die Ausprägung eines Gegentrends zeitweise sein kann. Für viele Unternehmen steckt in Gegentrends großes Potenzial für neue Geschäftsmodelle. Es ist eine oft unterschätzte Chance, den richtigen Gegentrend zu finden. Denn hier sind die Kunden kaufkräftig und die Geschäfte attraktiv. Doch dafür braucht man die Courage, sich gegen den Trend zu stellen! Wer kann Gegentrends nutzen? Und mit welchen Konzepten?
Doch auch das starke Aufflackern des Gegentrends darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Gegentrend dennoch nicht zum Haupttrend wird. Wenn die kollektive Hysterie vorbei ist, wird unser Leben weiter immer individueller werden. Wir werden wieder auf der Suche nach Kompromiss statt Kampf sein. Hier sind die Massengeschäfte der Zukunft zuhause.
Noch ein Wort zu den Medien: Krieg spielen ist im Feuilleton nicht beliebt, auch wenn es viele tun. Deshalb werden wir in den kommenden Tagen vermutlich Kritik erleben, Kritik an den Medien. Denn sie sind für die mediale Kriegs-Inszenierung verantwortlich, oder? Natürlich sind sie es, auch wenn sie selbst behaupten, sie würden nur abbilden, was auf der Straße geschieht. In Wirklichkeit ist die Strategie von ARD und ZDF wirtschaftlich naheliegend und kaum verwerflich. Denn intuitiv spüren die Massenmedien, dass sie eine der immer seltener werdenden Gelegenheiten vor sich haben, mit ein bisschen Nachhelfen tatsächlich eine Masse zu kreieren. Das wird künftig nicht mehr oft vorkommen, aber das habe ich Ihnen ja schon in der Trendanalyse zum Ende der Massenwirtschaft beschrieben.
P.S.: Stellen Sie sich mal vor, wir hätten 0:0 gespielt und im Achtelfinale gegen die USA antreten müssen. Gegen die hätten wir aus historischer Verbundenheit medial nicht mal richtig kämpfen dürfen. Thank God, it's England!
(Bild: konr4d/sxc)




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