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Was wir für unsere eigenen Zukunftsstrategien lernen können

Vielleicht haben Sie von Zweitgeist schon raunen hören. Seit einigen Wochen geistern die Zweit-Geister durch die Gespräche der Branchen-Visionäre. Erstmals öffentlich wurden die Zukunftsplanungen vor ein paar Tagen als der Spiegel die kleine Web2.0 Applikation als Beleg anführte, dass Deutschland den weltweiten Web2.0 Trend nicht völlig verpasst hat.

Doch diese Rolle des kleinen deutschen Feigenblattes gegenüber den großen YouTubes und Flickrs steht den Zweitgeistern nicht. Zwar haben sie erfrischenderweise tatsächlich keine Kopie aus USA auf die Monitore gebracht. Doch statt kleinem Feigenblatt kann Zweitgeist zum großen Modell für die Online-Freizeit-Communitys weltweit werden.

Wie es aussieht?

Zunächst „begleiten kleine Avatare den User auf seinen Webreisen und bringen Leben in sonst kalte Textwüsten“ (Spiegel). Nach einer schnellen Anmeldung (unter www.zweitgeist.com) erhält ein Zweitgeist-User ein kleines Männchen (Avatar). Dieser Avatar ist auf jener Website sichtbar, die man gerade angewählt hat. Unabhängig von den angewählten Seiteninhalten wird er quasi darüber ins Bild geschoben. Doch wer eine Website anwählt, sieht nicht nur seinen eigenen Avatar, sondern gleichzeitig die Avatare aller Zweitgeist-Benutzer, die zeitgleich auf eben jener Website sind. Mit denen kann dann zunächst unkompliziert Messages in Sprechblasen austauschen oder chatten.

Wo es hingeht?

Erst wenige tausend Avatare sind derzeit unterwegs. Dies sind zu wenige um sich schon zufällig auf beliebigen Websites zu treffen. Am sichersten findet man sich derzeit logischerweise auf www.google.de.

Doch die Zweitgeist Erfinder sind noch nicht in der Marketingphase. Derzeit werden Bugs beseitigt und zusätzliche Features für die kommenden Monate programmiert. Später sollen die Avatare nicht nur mit einander chatten, sondern über VoIP sprechen. Mit einem Lasso-Feature sollen Sie befreundete Avatare „einfangen“ und mit dem Buddy auf gemeinsame Surftour gehen. „Wie auf dem Beifahrersitz surft der eine dem anderen dann vor“ (Spiegel). „Co-Browsing“ sagt Zweitgeist CEO Jan Andresen dazu. Andere Zweitgeist-Nutzer werden vielleicht lieber „Rote Rosen über alle Avatare auf der aktuellen Website regnen lassen“ oder „Nebel über alle werfen“.  Mit Buddylisten soll nachvollziehbar sein, auf welchen Websites die Freunde und Bekannte derzeit surfen. Der Besuch ist nur einen Klick entfernt.

Das Zukunftspotenzial der Zweitgeister liegt in der Kooperation mit den großen und kleinen Freizeit-Communities der Netzwelt. Wenn die ersten Community-Nutzer erkennen, dass man sich nicht nur auf der eigenen Website treffen sondern gemeinsam die Netzwelt erleben kann, dann gewinnen die Communities mit Zweitgeist-Angebot erheblich an Attraktivität. Die Ausrichtung von Zweitgeist ist von Beginn an international.

Welche Kooperationen möglich sind?

Eine eigene Community zu bilden liegt nicht in der Strategie der Zweitgeister. Laut CEO Andresen sieht man sich als Kooperationspartner für bestehende Communities.

Zweitgeist bietet den Community-Betreibern ein Modell, die Avatare in das eigene Communityangebot zu integrieren. Das steigert Attraktivität, Traffic und Verweildauer. Die Avatare können zudem im „Look&Feel“ des Kooperationspartners angeboten werden. Denkbar sind etwa für die Fan-Comunity des FC Barcelona nicht nur die Einstiegsseite im Barca-Layout sondern Avatare in Barca-Shirts usw. „Die Zweitgeister werden damit zu Botschaftern der Community auf anderen Webseiten“, so Andresen.

Ein neuer Markt entsteht hier vor allem für Anbieter von Avataren. Gamepublisher haben bereits Figuren, die es als Avatare zu vermarkten gilt. Designer, Animationsfilmer und Karikaturisten sollten aktiv werden. Aber auch jene Modelabel, die bereits in Second Life ein Geschäft mir dem realen Verkauf virtueller Kleidung machen.

Aber nicht nur die Schönheit ist ein Zukunftsmarkt in der Welt der Avatare. Sollte die Existenz und das Wohlergehen des persönlichen Avatars einen tatsächlichen Wert bei relevanten Zielgruppen bekommen, ist jede Abwehr von Feindseligkeiten zwischen Avataren ein Geschäftsfeld mit realen Einnahmen. Wer schützt mich und meinen Avatar davor, dass wir mit dauerhaftem Lassoeinsatz zum ewigen „Co-Browsen“ verdammt werden, dass wir nach feindseligem Angriff mit Schweinskopf dastehen oder, oder, oder …

Auch neue Werbeformen sind denkbar. So ist es mit der verwendeten Win32 Technologie möglich, nicht nur die Avatare sondern auch spezielle Werbung über die eigentliche Website zu legen. „Beispielsweise könnten wir zweimal pro Stunde ein Flugzeug durchs Bild fliegen lassen oder für 10-15 Sekunden Werbesprechblasen einblenden“, so Andresen.

Der Business Case

Das Geschäftsmodell von Zweitgeist steht auf 3 Säulen. Zum Ersten soll Werbung an die Werbewirtschaft verkauft werden. Die Aufmerksamkeit für durch das Bild fliegende Flugzeuge oder Werbe-Sprechblasen zwischen den normalen Messages sollten im anziehenden Markt besser zu verkaufen sein als übliche Popups und Banner.

Zum Zweiten sollen Premium Features für Nutzer gegen Bares angeboten werden. So könnten etwa analog den Modellen von WorldofWarcraft Buddylisten und Statistiken (‚Wer hat mein Profil angesehen?’) gegen Monatsgebühren angeboten werden.

Zum Dritten sollen an die Nutzer und ihre Avatare alle denkbaren Items verkauft werden. Vorstellbar sind etliche, von Nike-Turnschuhen und RayBan-Sonnenbrillen über die erwähnten Zaubersprüche (‚Rote Rosen regnen’, ‚Nebel über alle’, …) bis hin zu kompletten Avataren. Die aufkommenden Geschäftsmodelle im Second Life geben den Takt vor.

Wer dahinter steht?

Die Macher hinter Zweitgeist sind für forward2business-Kenner keine Unbekannten.  Erfunden wurde die Web2.0-Applikation in der Gründerszene von Karlsruhe von Christine Stumpf und Dr. Heiner Wolf. Diese bekamen Unterstützung und Venture Kapital von Seed-Investor Jan Andresen. Andresen hatte vor Jahren die Games-Schmiede Elkware aufgebaut und erfolgreich an den amerikanischen Konzern infospace verkauft. Seitdem ist er regelmäßiger Teilnehmer am jährlichen forward2business-ThinkTank der Entertainmentindustrie in Halle.  Inzwischen hat ihn sein neues „Baby“ Zweitgeist so begeistert, dass er das Unternehmen als CEO lenkt.

Was wir von Zweitgeist für unsere Geschäftsmodelle der Zukunft lernen können?

Wie für viele Geschäftsmodelle der Zukunft ist das Rezept von Zweitgeist einfach und gut. Es hat zwei Schritte. Erstens: Man schaue sich bestehende attraktive Communities an, identifiziere deren Zusatzwünsche und erfülle sie. Zweitens: Man nehme aus funktionierenden Geschäftsmodellen Einzelteile, setze sie neu zusammen und baue darauf, dass erneut funktionieren wird, was bereits an anderer Stelle Erfolg hat.

Für Zweitgeist ist der zentrale selling point die lähmende Immobilität vieler bisheriger Online-Communities. Wer seine Freizeit mit den Freunden und Bekannten seiner Community verbringen will, muss bislang auf die immer gleiche Website, in den gleichen Blog gehen. Gibt es etwas Langweiligeres? Als Sie früher Ihre  Jugendfreunde nachmittags an der Bushaltestelle getroffen haben, sind Sie den ganzen Nachmittag an der Haltestelle geblieben? Wie lange fanden Sie das spannend? Sicher nur kurze Zeit. Dann sind Sie gemeinsam ins Nachbardorf, in den Jugendclub, ins Stadion und an tausend andere Orte gefahren. Diesen Wunsch erfüllt Zweitgeist. Mit Zweitgeist werden Freundschaften und Communities mobil. Sie surfen gemeinsam durch das Web oder treffen sich zufällig auf irgendeiner Website und erkennen sich als Community-Mitglied.

Dass die neue Applikation funktionieren sollte, dafür stehen bekannte und erfolgreiche Modelle Pate. Zweitgeist kombiniert die erfolgreichen Gaming-Modelle aus Second Life und WorldofWarcraft mit der Mobilität und Kommunikation der Internetwelt wie Instant Messaging Systemen oder VoIP-Anwendungen wie Skype.

Wie es weitergehen muss?

Während sich die Zweitgeist-Macher zunächst auf die Etablierung Ihrer Kooperations-Geschäfte mit Online-Communities konzentrieren, weist Zweitgeist drei weitergehende Richtung für die Geschäftsmodelle der Zukunft in der Entertainmentindustrie.

Erstens: Die Mobilität der Communities ist mit Avataren im Internet nicht ausgeschöpft. Erst wenn Avatare auch auf dem Handy angekommen sind, werden Communities wirklich mobil.

Zweitens: Noch stärker als virtuelle Welten wie Second Life könnten die Zweitgeist-Avatare an bestimmten Schnittpunkten für die Verschmelzung von virtueller und realer Welt sorgen. Wenn RayBan-Brillen für Avatare gegen reales Geld verkauft werden, wenn den Kids im New Yorker Shop die anprobierte Hose zwar nicht selbst steht, aber für 2,00 Dollar für den persönlichen Zweitgeist-Avatar zu haben ist. Wenn ProSieben die erste DokuSoap über das Leben der Avatare im Internet ausstrahlt.

Drittens: Sollten diese realen und virtuellen Welten tatsächlich an einigen Schnittstellen zusammenwachsen, entstehen gleichzeitig ganz neue Fragen der Sicherheit, von Recht und Gesetz. Welche Dinge können manipulierte Avatare an den neu entstehenden Schnittstellen anrichten? ‚Was passiert im Second Life beim Umtausch der Linden-Dollar zu realen Dollar, wenn durch eine Manipulation die Geldmenge des Linden-Dollars signifikant erhöht wird?’ diskutierten gestern die Branchenvordenker bei einer Sitzung des  Fachbeirats des forward2business-ThinkTanks. Welche neuen Märkte für Security-Technologien entstehen?

Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Veröffentlicht: 29. Januar 2007

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